Wie alles begann

Ich lebte nach der Wende einige Jahre in dem russischen Dörfchen, Lipowka, in eigenem Haus. Ein wilder Hund eroberte mein Herz und ich nannte ihn Wanja. Damals noch Liedermacherin, wußte ich nicht, was für ein einschneidendes Erlebnis die Begegnung mit Wanja später für mein Leben bedeuten würde.


Wanja ist einer der ganz wenigen Hunde, die ich kennen lernen durfte, der tasächlich ein souveräner Leithund war. Wie unter uns Menschen gibt es auch unter Hunden nur wenige geborene Führer. Der Hund, der oft als Führer eines Rudels betrachtet wird, weil er vorn eifrig "Betrieb macht", ist meistens der Späher und Informant eines Rudels, oder der Schnösel, der sich für alles zuständig fühlt, aber von nichts eine Ahnung hat.
Eine "Graue Eminenz" jedoch ist ruhig und souverän und gibt Anweisungen in einer Art, die für den Menschen kaum wahrnehmbar sind. Wanja war so ein Hund.

Stellen Sie sich einen Menschen vor, der einen Raum betritt und Sie haben instinktiv Vertrauen zu ihm und Respekt vor seinen Entscheidungen. So muss Wanja auf Hunde gewirkt haben.
Kamen doch auf abenteuerliche, rührende oder komische Weise nach und nach immer mehr wilde und halbwilde Hunde zu uns. (Was mir einigen Ärger mit den Bauern einbrachte.) Wanja übernahm die Führung des Rudels ruhig, souverän, fair, sanft, klug und selbständig, genauso, wie sein Wesen war.

Das Fenster an meinem Schreibtisch führte genau auf den Hof und so verfolgte ich das Treiben vor mir mit Interesse, wenn ich Lieder schrieb. Ich hatte damals noch keine Ahnung davon, dass ich ein Studium genoß, das mir heute im Wesentlichen meine Arbeit ermöglicht.